09.12.2014 · Party · Tags:

Der Konflikt um die Lackiererei


Die Münchner Jugend-, Kultur- und Stadtviertel-Szene schleppt sich von Zwischennutzung zu Zwischennutzung. Seit Puerto Giesing ist aber nicht mehr viel passiert. Jetzt sollte in Haidhausen die Lackiererei das nächste große heiße Ding werden. Doch das ist am Ende, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Maximilian Heisler, Vorsitzender des „Bündnis Bezahlbares Wohnen“, hat sich auf die Suche nach den Gründen gemacht – und war plötzlich live dabei beim endgültigen Ende.

 

Kulturbetreiber sein, das bedeutet „kulturschaffender Kreativjunkie mit Orgageschick und Zahlenaffinität“. Diese Charaktereigenschaften schreibt sich ein Newcomer am Münchner Kulturhimmel zu. Marcus Czipzirsch, Chef der Kulturmeierei. Weg von diesen „übersnobten High-Class-Posh-Posh München“, hin zu einem selbstinspirierenden Raum – das ist das selbsterklärte Ziel von Czipzirsch. Sein neues Projekt: die Lackiererei in Haidhausen. Und genau das scheint Münchens Kulturszene wirklich zu fehlen. Ein Raum, in dem München nicht nur wieder Kunst und Kultur präsentiert, sondern entstehen und gedeihen lässt.

 

„In München gibt es immer weniger Flächen, an denen sich Künstler und Kulturfreunde zeigen, präsentieren und ausleben können. Das hat nun ein Ende!“
– PRINZ München

 

Es ist leidig mit der Kunst und Kultur in München. Die Stadt veredelt sich immer weiter und Räume zur freien Entfaltung fehlen – so will es die Marktlogik. Die, die es noch gibt, werden vom Zeitgeist nach und nach verschlungen. München mangelt es schon lange an kulturellem Freiraum, der viel kann: nicht zu groß, nicht zu klein, bloß kein Wohngebiet, zentral sollte er sein und den Stadtrat als politische Rückendeckung hinter sich wissen.

 

„Das tolle ist, dass der Zwischennutzungsvertrag auf eine Dauer von 10 Jahren mit Option auf Verlängerung festgesetzt wurde.“
– two in a row

 

Doch der Fall Lackiererei wirft mittlerweile eine Frage auf: Kann München überhaupt noch langfristigen Freiraum? Die Szene ist mehr und mehr auf Zwischennutzung trainiert, nach dem Auszug und vor der Abrissbirne, dazwischen ein ordentlicher Rave, der Geld in die klammen Kassen spielt. „Früher gab es solche Orte ohne Ende in Haidhausen“, schwärmt die Bezirksausschussvorsitzende Dietz-Will, die sich in letzter Zeit nur mehr mit auf schnellen Gewinn ausgerichteten Investoren herumschlagen musste und die kulturelle Dürre in ihrem Stadtviertel bedauert. Czipzirsch weckte seit August 2014 große Hoffnungen, eben diesen Spagat zwischen Verwaltungsrecht und Freigeist zu können.

 

„Kunst statt Kommerz – selten passt dieser Spruch besser als bei der Lackiererei in Haidhausen.“
– Süddeutsche Zeitung

 


 

Gut 1.200 Quadratmeter, eine ehemalige KFZ Werkstatt mit Lackiererei, geräumig, der sehr gefragte martialische Industrie-Charakter garantiert den gewissen Charme, zwischen Ostbahnhof und Prinzregentenplatz gelegen, ist das Projekt der Kulturmeierei GmbH auch noch gut erreichbar. Das Sahnehäubchen: Die Eigentümerin will statt Luxuslofts lieber Platz für Kunst und Kultur in München.

Büroplätze für kreative Unternehmen, zwei Ateliers für jeweils drei bis vier Künstler, Fotoateliers, ein kleiner Raum für Pressetermine, Platz für Akustikkonzerte und vier Bandprobenräume, ein Café mit Ausstellungsflächen sollen hier eine dauerhafte Heimat finden. Firmen-Events und Produktpräsentationen sollen das Projekt finanziell absichern.

 

„Ich war diese Woche auf dem Lackiererei-Gelände und bin begeistert. Rund um eine ehemalige Autowerkstatt entsteht im münchner Osten gerade ein Kulturkomplex (…)“
– tapefruit

 

Doch einen kleinen Haken hat die Sache: der neue Kulturtempel liegt mitten in einem Wohngebiet. Eigentlich sollte das kein Problem werden – doch es kam anders.

Eine Chronologie der Ereignisse:

26.08.2014: Marcus Czipzirsch will die Anwohner rund um die Kirchenstraße 89a schon vor dem eigentlichen Start Anfang Oktober hinter sich wissen. „Die Anwohner sehen unsere Pläne sehr positiv.“, so Czipzirsch im SZ-Interview, der erst drei Tage zuvor zu einem Anwohner-BBQ „mit Raum für Fragen und Antworten“ geladen hatte.

 

„Doch leider regt sich jetzt der Widerstand einiger Anwohner, die das Projekt im Keim ersticken wollen.“
– ISARBLOG

 

Vier Wochen später: Den örtlichen Bezirksausschuss und dessen Vorsitzende Dietz-Will erreicht ein Anwohnerschreiben. Es ist von David Süß unterzeichnet, Chef des Nachtclubs Harry-Klein in der Sonnenstraße. Im Namen der Anwohner stellt er den Rückhalt und die Abstimmung mit der Nachbarschaft, die Czipzirsch behauptet hatte, in Frage: „Entgegen den Aussagen in den Artikeln gab es keine Kontaktaufnahme durch den Geschäftsführer der Kulturmeierei Herrn Czipzirsch zur uns bekannten Nachbarschaft.“ Die Nutzung des Areals mit Ateliers und Übungsräumen sei zwar herzlich willkommen doch, die Betreiber hätten bislang nur vage über das Projekt aufgeklärt. Es entstünde der Eindruck, dass eine Nutzung durch Künstler nur vorgeschoben werde, um eine Genehmigung für einen gastronomischen Betrieb zu erhalten. Sorgen mache man sich zudem über die Abend- und Nachtnutzungen die mit entsprechendem Lärm verbunden seien. Süß verbleibt mit der Bitte, dass der Bezirksausschuss sich selbst ein Bild vor Ort verschaffen soll.

Die Bedenken werden vom Bezirksausschuss direkt an die zuständige Lokalbaukommission (LBK) weitergeleitet und um eine Einschätzung zur generellen Genehmigungsfähigkeit des kulturellen Projektes ergänzt.

 

„Derzeit müssen noch einige Genehmigungen von der Stadt eingeholt werden, bevor die Lackiererei ihren vollen Betrieb aufnehmen kann.“
– afk M94,5

 

17.10.2014: Die Antwort der LBK fällt ernüchternd aus: der nötige Bauantrag „liegt bis dato noch nicht vor“, heißt es und weiter: „Wir bitten um ihr Verständnis, dass es schwierig ist eine Genehmigungsfähigkeit eines noch nicht einmal vorliegenden Bauantrages abzuschätzen.“ Ein solcher Bauantrag wurde nach Angaben der LBK bei Herrn Czipzirsch mehrfach angeregt. Denn bei einer Nutzungsänderung wie in der ehemaligen KFZ Werkstatt, müssen bestimmte technische Voraussetzungen wie Fluchtwege Lärm- und Brandschutz erfüllt werden. Schließlich sollen sich hier in Zukunft viele Leute tummeln.

Soweit diese Aufzählung.

 

„Die Genehmigung für eine Umwidmung von Gewerbe in eine kulturelle Nutzung wird derzeit von der Lokalbaukommission (LBK) geprüft.“
– Münchner Merkur

 


 

Czipzirsch hat einen anderen Weg gewählt. Er hat mich spontan zu einem persönlichen Gespräch eingeladen – ich darf „die Akten einsehen.“ Der gebürtige Mannheimer macht einen ruhigen und gelassenen Eindruck. Und das, obwohl er für die Lackiererei erst vor kurzem eine sogenannte Nutzungsverfügung bekommen hat, ein Verbot der LBK auf dem Areal der ehemaligen Autowerkstatt Veranstaltungen abzuhalten. Czipzirsch, der frühere Unternehmensberater lebt nun seit 20 Jahren in München und beschreibt sich als ‚Anpacker‘. Es nervt ihn, über den Zustand von Kunst und Kultur immer nur zu lamentieren. Er will endlich was tun. Dass ihm das jetzt verboten wurde, darüber schüttelt er nur den Kopf. Die LBK führt zur Begründung ihrer Entscheidung an: Bei einer unangekündigten Begehung der örtlichen Bezirksinspektion sei festgestellt worden, dass bei einer Veranstaltung 7 EUR Eintritt verlangt wurden, Fluchtwege versperrt sind und man ohne Genehmigung z.B. Bier verkauft. Es handle sich also um eine kommerzielle Veranstaltung ohne Genehmigung. Czipzirsch ist fassungslos. Er beharrt darauf, dass sowohl die notwendigen Einzelgenehmigungen für die benannten Veranstaltungen gestellt wie auch der Verkauf von Getränken dem Kreisverwaltungsreferat (KVR) mitgeteilt wurden. Doch in der Verfügung der LBK steht, dass die Rückfrage beim KVR keinen Nachweis für diese Genehmigungen erbrachte. Zudem habe man die Kulturmeierei mehrmals aufgefordert eben diese Dokumente vorzulegen.

 

„Sollten dieses [die Genehmigungen] ausbleiben, müssten alle Unterstützer des Projektes noch einmal für mehr Öffentlichkeit sorgen, so Czipzirsch.“
– afk M94,5

 

Hat das Team um die Lackiererei also einfach keine Anträge gestellt? Ich konfrontiere Markus Czipzirsch mit dieser Frage. Er legt mir das vollständig ausgefüllte Formular vor, der breite Stempel „Duplikat“ verleiht dem Papier offiziellen Anschein. Doch eine der sonst üblichen schriftlichen Bestätigungen vom KVR hat er nicht. Die KVR-Sprecherin Daniela Schlegel bestätigt: „Das ist schon sehr ungewöhnlich.“ Czipzirsch sagt, „gegen die Seriosität einer städtischen Stelle sind wir machtlos“. Er vermutet böse Absichten seitens der Behörden, im Besonderen des zuständigen Sachbearbeiters der LBK. Von Anfang an habe hier die Chemie nicht gestimmt. Czipzirsch glaubt, dass all-night-long-Partys, die weit vor dem Projekt Lackiererei stattgefunden haben, nun auf sein Konto verbucht werden. Dem Sachbearbeiter der LBK gingen die entsprechenden Anträge zu den Veranstaltungen via Kurier mit Eingangsbestätigung zu. Dass dieser dann behaupte, die Dokumente seien auf mehrfache Nachfrage nicht zugestellt worden, ist für Cipzirsch ein weiteres Indiz für die „Drohkulisse“ der Behörden. Er will nun Anzeige gegen den Sachbearbeiter der LBK erstatten. Laut Czipzirsch sind auch die zahlreichen Beschwerden aus der Nachbarschaft, die die LBK in ihrer Nutzungsuntersagung erwähnt, erfunden. Er wisse von maximal drei Beschwerden.

 

„Es ist uns nicht möglich zu erkennen, ob diese Veranstaltungen genehmigt sind oder eine Zweckentfremdung darstellen.“
– David Süß im Namen der Anwohner

 

Die Anwohner rund um David Süß bezweifeln, dass die Veranstaltungen in der ehemaligen Autowerkstatt genehmigt sind. Das macht den Nachtclubbetreiber Süß zum Spielverderber: „Techno-König fürchtet um seine Nachtruhe“, titelte der Münchner Merkur und brachte David Süß nicht nur im Internet unangenehme Kritik ein. „hab leider seit kurzen was gegen das harry klein… vor allem gegen dessen besitzer.“, ist in Kommentaren zu lesen. Und wer sich an die ironischen Aushänge „Ich glaub ich zieh ins Glockenbachviertel und beschwere mich über die Lautstärke“ und die nun von der Stadt eingesetzten Silencer erinnert, weiß um die Sprengkraft in dieser Debatte.

 

„Momentan ist leider die Lackiererei geschlossen, da ein Streit verschiedener Parteien über die Nutzung der Gebäude entfacht ist.“
– München Mal Anders

 


 

Ist Markus Czipzirsch und die Lackiererei nun Opfer einer Verwaltungsverschwörung oder ist das Team der Kulturmeierei einfach zu naiv an das Projekt herangegangen? Entgegen der Sachlage möchte ich Markus Czipzirsch gerne glauben. Dem Projekt wegen. Der Kultur wegen. Für München. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn man den Verdacht ausspricht, dass hier nur zum Teil informierte Nachbarn, hoffende Künstler und eine skandalfreudige Öffentlichkeit medial gegeneinander ausgespielt wurden. Denn: von wem? Soll da tatsächlich auch hier wieder die Stadt der Buhmann sein? Ein Insider sagt: „Die ganze Sache stinkt zum Himmel! Das gibt alles keinen schlüssigen Zusammenhang!“

Während unserem Gespräch erreicht die Kulturmeierei eine dringliche E-Mail. Sie ist von der Eigentümerin der ehemaligen Autowerkstatt. Czipzirsch wird etwas blass, schiebt sich die Brille auf die Nase. „Das Projekt ist tot!“, sagt er mit angespannter Stimme. Kurz danach wirkt er auch etwas erleichtert, der ganze Spuk scheint nun vorbei zu sein. Dass in der gerade eingegangenen Mail eine endgültige Kündigung steht, bleibt aber meine Vermutung.

 

„Die Jungs und Mädels von der Lackiererei sind meiner Meinung nach viel zu naiv an das Projekt herangegangen“
– Bezirksausschussvorsitzende Adelheid Dietz-Will

 

Unterdessen hat sich die Eigentümerin samt Architekten mit der LBK zusammengesetzt. Die Grundidee, einen längerfristigen Raum für Kunst und Kultur in Haidhausen zu etablieren, soll bleiben. Nur etwas kleiner und mit einem anderen Betreiber.

 

Text: Maximilian Heisler, Einleitung: Michael Grill, Fotos: Two In A Row

Moritz

Moritz

ist einer der beiden Gründer von Two In A Row und im Bereich audiovisuelle Medien gelernt. In seiner Tätigkeit als DJ, Mitarbeiter in einem großen Münchner Plattenlabel und tagtäglicher Autor hier, beschäftigt er sich non-stop mit Musik und den Geschehnissen in München.
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